Gastbeiträge

IHK NRW

Grund und Boden – eine kostbare Ressource

Arbeit, Boden, Kapital – seit mehr als 250 Jahren kennen wir dank Adam Smith die wichtigsten Produktionsfaktoren einer Volkswirtschaft. Dem Boden kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn er ist die Ressource, die sich nicht vermehren lässt und mit der wir deshalb besonders sorgsam umgehen müssen. Dies gilt gerade für ein so bevölkerungsreiches Land wie Nordrhein-Westfalen, in dem Naturschutz, Industrie, Gewerbe, Landwirtschaft, Stadtentwicklung und Straßenbau besonders intensiv um Flächen ringen.

Die Initiative zur Gründung des Verbands für Flächenrecycling und Altlastensanierung, kurz AAV, vor 30 Jahren hatte daher eine wegweisende Bedeutung für unser Land, aber auch für die ganze Bundesrepublik. Schließlich stand und steht gerade NRW mit dem Erbe der Schwerindustrie vor der großen Herausforderung, die vielen Flächen ehemaliger Kokereien, Stahlwerke und Zechen wieder für eine neue Nutzung aufzubereiten. Die Herausforderungen sind groß: Viele Flächen sind mit Chemikalien und Metallen belastet, die nicht nur eine weitere Nutzung verhindern, sondern auch eine Gefahr für angrenzende Grundstücke und für das Grundwasser darstellen.

Diese Flächen, oft in zentraler Lage von Städten und Gemeinden gelegen, nicht nur wieder nutzbar zu machen, sondern mit ihnen sozusagen Impulse für eine aktive Stadtentwicklung zu ermöglichen, ist heute eine der zentralen Aufgaben des AAV. Als der Verband im Jahr 1988 gegründet wurde, standen andere Dinge im Vordergrund: Gegründet als „Abfallentsorgungs- und Altlastensanierungsverband“, bestand in den ersten Jahren die Aufgabe vornehmlich darin, Reststoff- und Abfallmengen zu ermitteln und Planungs- und Verfahrenskosten bei der Errichtung von Entsorgungsanlagen mittelständischer Betriebe zu übernehmen. Erst im Jahr 2002 erfolgte die Konzentration auf die Altlastensanierung.

Seither steht die Gefahrenabwehr, die durch Altlasten entstehen, und das Recycling belasteter Flächen im Vordergrund. Nordrhein-Westfalen wurde so zum bundesweiten Vorreiter in Sachen Altlastensanierung. Hier wurden die Grundsätze für Messung und Beurteilung von Bodenverunreinigungen mitentwickelt, hier wurden mit aktiver Unterstützung durch den AAV Verfahren für die Sanierung entwickelt, erprobt und schließlich in der Praxis angewendet. Hierdurch gewinnen Kommunen, Kreise, aber auch private Investoren sonst nicht zur Verfügung stehende Spielräume für Investitionen, Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze.

Diese Erfolge waren und sind nur möglich, weil der AAV – damals wie heute – die Zusammenarbeit von öffentlicher Hand und Unternehmen der Privatwirtschaft auf völlig neue Grundlagen stellte. Hierfür wurden neue, fast einzigartige Strukturen für die Zusammenarbeit von öffentlicher Hand und Wirtschaft geschaffen und zusätzliche Investitionen freigesetzt, die bis heute bei allen Wandlungen im Einzelnen der Garant für Vertrauen und Erfolg der Partner sind. Hinzu tritt, dass es sich bei der Altlastensanierung um eine dringliche Gemeinschaftsaufgabe handelt, die mittels einer Bündelung öffentlicher und privater Kräfte besser bewältigt werden kann. Das war bis dahin nicht unbedingt üblich. Zwar gibt es mittlerweile bundesweite Regelungen, die etwa Verursacher von schädlichen Bodenbelastungen und Altlasten zur Untersuchung und Sanierung des Bodens und möglicher Gewässerschäden verpflichtet. Doch die Verursacher der Kontaminierungen waren und sind zum einen oft nicht ermittelbar oder es handelt sich zum anderen um Unternehmen, die längst ihren Betrieb eingestellt haben. Und viele Nachfolger schlagen etwa ein Erbe aus, weil sie nicht die oft unkalkulierbaren Risiken einer Entsorgung übernehmen wollen. Gerade bei solch schwierigen Herausforderungen hat sich die Private-Public-Partnerschaft bewährt.

Die Erfolgsmeldungen des AAV sind beeindruckend: In Solingen wird aktuell das Rasspe-Areal entwickelt, wo die Vision eines Gewerbes der Zukunft Realität und zu einem neu geschaffenen Standort zukunftsträchtiger Branchen werden soll. Für die Stadt Solingen stellt die Revitalisierung des Geländes eine große Chance der zukünftigen Gewerbeflächenentwicklung dar, wie Oberbürgermeister Tim Kurzbach meint. In Unna laufen aktuell die Sanierungsarbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Zeche und Kokerei Massen. Dazu wurde auf dem Gelände vor einer Betriebshalle eine Baugrube von rund 1.000 m² Grundfläche und bis etwa 2,5 Meter Tiefe ausgehoben. Bei dem Gelände handelt es sich um den Betriebsstandort der ehemaligen Zeche und Kokerei Massen 3/4, die von 1912 bis 1926 betrieben wurde. Zu entsorgen sind erhebliche Kontaminationen insbesondere des Bodens und des Grundwassers mit kokereispezifischen Schadstoffen. Und in Castrop-Rauxel wird derzeit die ehemalige Deponie Brandheide saniert. Für das Land NRW sind dies alles wichtige Schritte bei der Restrukturierung und Neuansiedlung von Gewerbe.

Und es macht uns auch stolz, dass die Initiative für dieses beispielgebende Vorgehen vor 30 Jahren aus den Reihen der IHK-Organisation in NRW maßgeblich vorangetrieben wurde. Es war Dr. Theodor Pieper, damals Hauptgeschäftsführer der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer zu Duisburg, der mit Klaus Matthiesen, dem damaligen Minister für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft, das Konzept des AAVs erarbeitete, namhafte Unternehmen als Mitwirkende gewann und die Umsetzung insgesamt vorantrieb. Dr. Pieper verstarb im August dieses Jahres. Sowohl die Niederrheinische IHK zu Duisburg als auch der AAV werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Mit seinem Vorstoß hat Dr. Pieper eine neue Form der Kultur des Miteinanders von Staat und Wirtschaft etabliert und im Ergebnis auch dafür gesorgt, dass viele Flächen in unserem Land wieder für Gewerbeansiedlungen genutzt werden können. Bei allen Erfolgen wird jedoch auch eines immer klarer: Viele der sanierten Grundstücke können nicht oder nur sehr eingeschränkt wieder für eine industriell-gewerbliche Nutzung verwendet werden. Die Flächen liegen allzu oft in innerstädtischen Gebieten, haben keine den modernen Logistikanforderungen eines heutigen Industriebetriebes Rechnung tragende Verkehrsanbindung mehr oder sind schlicht zu klein. Hingegen können sie sehr wohl für attraktive Wohn-, Büro- oder auch Handelsnutzungen herangezogen werden und bieten Kommunen auf diesem Wege oft innovative Stadtentwicklungsperspektiven. Das bedeutet aber auch, dass unser Land auch in Zukunft und auch bei weiter anhaltendem Flächenrecycling zusätzliche Flächen benötigt, um die Neuansiedlung und die Weiterentwicklung von Unternehmen und damit ein prosperierendes Land NRW zu ermöglichen.

Der AAV leistet wertvolle Arbeit für unser Land. Seitens der IHK-Organisation gratulieren wir herzlich und freuen uns, anlässlich des Jubiläums gemeinsam auf eine erfolgreiche Zeit zurückblicken zu können. Bei jedem runden Geburtstag richtet sich der Blick aber zwangsläufig nach vorne: Denn auch in den kommenden 30 Jahren sind wir in Nordrhein-Westfalen auf das Engagement des AAV und seiner Mitarbeiter sowie von Politik und Wirtschaft in seinen Gremien angewiesen. Wir wünschen dem AAV auch zukünftig viel Erfolg bei seiner Arbeit.

Ihr Thomas Meyer
Präsident IHK NRW – Die Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen e. V.